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  • Karolina Kardel

Gerte beim Reiten - Ja oder Nein?

Aktualisiert: vor 4 Tagen


Die Gerte: ein feines Instrument in feinen Händen. Boxer Hank Moody trägt stolz die Gerte von Frauchen Freija Thye. Foto von Nicolai Thye

Die Gerte hat oft einen schlechten Ruf. „Eine Gerte brauche ich nicht, mein Pferd hat Angst davor“, ist an vielen Höfen zu hören. Woher der schlechte Ruf kommt und warum wir vom #teamsportsfreund der Meinung sind, dass der schlechte Ruf vollkommen unberechtigt ist, verraten wir in unserem Beitrag.


Woher kommt der schlechte Ruf der Gerte?


Die Gerte ist eine Weiterentwicklung der Peitsche. Im deutschen Sprachgebrauch wurde die Peitsche lange Zeit als Geißel bezeichnet, ehe sich das Wort Peitsche durchsetzte. In Bayern heißt die Peitsche auch heute noch Goaßl.


Das Wort Peitsche kommt aus dem Westslawischen: In Polen heißt Peitsche bicz (lies: bitsch), das wiederum auf dem urslawischen Wort biti (für Schlagen) basiert und vermutlich von der indogermanischen Wortwurzel *bhau (schlagen) kommt. Allein von der Herkunft des Wortes her besitzt die Peitsche – und damit auch die Gerte – einen negativen Touch.


Angst verhindert effektives Pferdetraining


Wir alle wissen: Es gibt genug Pferde, die genau diese Erfahrungen mit Gerte und Peitsche machen müssen/machen mussten. Die Angst dieser Pferde ist daher absolut berechtigt.

Wird einem Pferd mit der Gerte oder der Peitsche Schmerz oder starker psychischer Druck zugefügt, ist das eine Stresssituation.


Als Fluchttier setzt bei ihm in Angst- und Stresssituationen automatisch der Fluchtreflex ein – darüber schreiben wir ausführlich in unserem Beitrag Sportsfreundliches Pferdetraining: mehr Verständnis, weniger Stress. Kann es in dem Moment nicht fliehen, weil es an der Longe oder vom Reiter mit den Zügeln festgehalten wird, wird es je nach Pferdetyp höchstwahrscheinlich entweder in eine Starre fallen, die gemeinhin auch als erlernte Hilflosigkeit bezeichnet wird, oder versuchen, den Angreifer loszuwerden – sei es durch Bocken, Austreten, Beißen oder den direkten Angriff. So oder so: Ein effektives Training ist in diesem Fall nicht möglich.


Wir vom #teamsportsfreund lehnen Pferdetraining, das auf Druck, Zwang und Schmerzen basiert, grundsätzlich ab. Diese Form des Trainings hat aus unserer Sicht aber nichts mit der Gerte an sich zu tun. Wir finden, dass die Gerte – richtig eingesetzt - dem Pferd am Ende sogar mehr nützen kann, als dass sie ihm schadet.


Wenn wir die Gerte losgelöst von der Idee betrachten, sie sei dafür da zu schlagen und Schmerzen zuzufügen, ist sie im Grunde nichts Anderes als ein mehr oder weniger langer Stock. Diesem Stock begegnet ein Pferd zunächst einmal neutral. Nehmen wir diesen Stock in die Hand, verlängert er unseren Arm. Er vergrößert sozusagen unseren Körper. Das bedeutet im Umkehrschluss: Nicht die Gerte erzeugt negative Emotionen wie Angst und Stress beim Pferd, sondern wir Menschen, die die Gerte benutzen.


Wenn wir mit unserem Auftreten zu viel Druck erzeugen, schüchtern wir unser Pferd ein. Unser dominantes Auftreten ist aber erst einmal unabhängig davon, ob wir eine Gerte in der Hand haben oder nicht. Allerdings dient die Gerte als Verstärker unseres Verhaltens. Sie vergrößert quasi unsere körperliche Präsenz. Hat unser Pferd also Angst, wenn es uns mit der Gerte sieht, sollten wir immer auch an uns selbst arbeiten und unser gesamtes Auftreten ein wenig zurücknehmen.


Doch nicht nur ein dominantes Auftreten kann unser Pferd einschüchtern. Auch zu viel Vorsicht kann unser Pferd verunsichern. Wenn wir Menschen nämlich davon ausgehen, dass unser Pferd Angst vor der Gerte hat, verhalten wir uns auch anders, wenn wir sie in der Hand halten. Wir sind vorsichtiger und vielleicht auch etwas unsicher. Unser Pferd weiß aber nicht, warum wir unsicher sind. Es nimmt jedoch wahr, dass unsere Unsicherheit mit dem komischen Ding in unserer Hand zusammenhängt. Die Folge ist: Unser Pferd reagiert auf die Gerte mit Unbehagen oder sogar Angst.



Die Gerte bei der Bodenarbeit: feinere Hilfen und klarere Kommunikation


Eine künstliche Armverlängerung ist bei einer angemessenen Körpersprache ziemlich toll. Sie ermöglicht es uns nämlich, viel präzisere und feinere Hilfen zu geben. Linda Tellington-Jones bezeichnet die Gerte aufgrund ihrer „beruhigenden und kommunikativen Wirkung“ sogar als Zauberstab (wand). In ihrem Buch Tellington Training für Pferde (Kosmos-Verlag) schreibt sie über die Gerte: „Sie ist nur ein weiteres Mittel, dem Pferd Ihre Wünsche zu verdeutlichen. Man kann das Pferd damit auch beruhigen und besänftigen und fast augenblicklich dazu bringen, sich zu konzentrieren.“


Auch in der Akademischen Reitkunst, wo zwischen den sogenannten Primärhilfen und den Sekundärhilfen unterschieden wird, spielt die Gerte eine wichtige Rolle. „In der Bodenarbeit beschreibt die Position des menschlichen Körpers die Primärhilfe, die Sekundärhilfen können aus Hand und Gerte bestehen“, schreibt Anja Hass in ihrem Aufsatz Das junge Pferd erlernt die Sekundär-Hilfen, der in Band 2 der Reihe Akademische Reitkunst (Müller-Rüschlikon-Verlag) erschienen ist. Weiter schreibt sie: „So wird für das Erlernen des Schulterhereins einerseits mit der Gerte in der Position des inneren Schenkels die Sekundärhilfe gegeben, andererseits mit einer leichten Drehbewegung aus der Hüfte heraus die Position des menschlichen Körpers verändert. Die Sekundärhilfen helfen dem Pferd dabei, die Primärhilfen richtig zu deuten und zu verstehen.“


Eine Gerte hilft uns bei der Bodenarbeit, klar in unserer Körpersprache zu bleiben. Möchten wir erreichen, dass unser Pferd mit dem Hinterbein seitwärts tritt, müssen wir uns nicht verrenken, um das jeweilige Hinterbein zu erreichen. Stattdessen können wir einfach den Arm ausstrecken und das Bein mit der Gerte berühren. Häufig reicht sogar bereits ein Gertenzeig aus. Die Gerte bietet unserem Pferd nämlich nicht nur einen taktilen Reiz, wenn sie den Körper berührt, sondern auch einen visuellen Reiz. Es kann daher auf die Gerte reagieren, ehe sie seinen Körper berührt.


Auch kann die Gerte als optisches Signal vor dem Körper des Pferdes ein viel feineres Signal zum Halten sein als ein Ruck am Strick der sagt: „Jetzt bleib aber mal stehen“. Der Ruck am Strick wird für das Pferd immer unangenehmer sein als ein Stock, der vor dem Gesicht zu sehen ist oder der die Brust des Pferdes berührt – denn eine Berührung mit der Gerte tut nicht weh.


Beim Longieren ist es auch nicht allein die Peitsche, die Druck macht. Stehen wir einfach nur in der Mitte und bewegen lediglich die Peitsche, wird es unser Pferd sicherlich nicht dazu bringen, schneller zu laufen oder seine Hinterhand aktiver einzusetzen. Um dies zu erreichen, müssen wir selbst mehr Energie aufbringen und unseren Körper entsprechend einsetzen. In dem Fall verstärkt die Peitsche lediglich unsere Körpersprache.


Das Bewusstsein für den eigenen Körper verbessern


Die Gerte ist jedoch nicht nur ein verlängerter Arm und hilft uns Menschen dabei, präziser mit unserem Körper zu kommunizieren. Die Gerte kann in bestimmten Situationen dem Pferd sogar helfen, seinen Körper bewusster einzusetzen.


Über die sensorischen Nervenzellen in der Haut nimmt das Pferd unter anderem Berührungen wahr. Streichen wir den Körper unseres Pferdes sanft mit der Gerte ab oder touchieren wir es an einer bestimmten Stelle, können wir ihm helfen, seinen Körper und seine Körpergrenzen besser wahrzunehmen und bewusster einzusetzen. Dies ist vor allem hilfreich, wenn unser Pferd seine Hinterhand „vergisst“ und nicht unter den Schwerpunkt setzt.



Die Gerte beim Reiten sorgt für mehr Losgelassenheit


Was für die Bodenarbeit gilt, gilt selbstverständlich auch fürs Reiten. Wenn wir im Sattel sitzen, kann uns die Gerte unterstützen, feinere und präzisere Hilfen zu geben.


Wollen wir, dass unser Pferd schneller geht oder seine Hinterhand mehr unter den Schwerpunkt setzt, setzen wir in der Regel unsere Schenkel ein. Wenn unser Pferd auf einen Impuls des Schenkels reagiert, ist das super. Häufig passiert es aber, dass wir anfangen mit unseren Schenkeln zu drücken oder zu klopfen, weil unser Pferd nicht adäquat reagiert.


Pressen oder klopfen wir mit den Schenkeln, machen wir uns selbst im Becken fest. Damit wird unser gesamter Körper fest und verspannt. Wir können den Bewegungen unseres Pferdes nicht mehr dynamisch und losgelassen folgen oder feine und präzise Hilfen geben. Unser festes Becken schränkt wiederum die Beckenbeweglichkeit unseres Pferdes ein und wir verhindern durch unsere treibende Hilfe, dass unser Pferd losgelassen läuft und mit seinem Hinterbein unter den Schwerpunkt fußt.


Außerdem schränken unsere zusammengepressten und drückenden Schenkel die Atmung unseres Pferd es, denn es kann dabei seinen Brustkorb nicht ausreichend weiten.


Ein leichtes Touchieren mit der Gerte ist in diesem Fall eine wesentlich feinere treibende Hilfe. Tippen wir unser Pferd im Moment des Abfußens an, können wir erreichen, dass das Hinterbein weiter nach vorne schwingt. Durch die Berührung der Gerte regen wir nämlich die Muskulatur an, sich noch ein Stückchen mehr zusammenzuziehen.


Die Gerte kann uns obendrein dabei helfen, unser Pferd für die Schenkelhilfe zu sensibilisieren: Reagiert es nämlich nicht wie gewünscht auf unsere Schenkelhilfe, können wir sie durch ein Antippen mit der Gerte verstärken. Unser Pferd wird mit der Zeit lernen, was wir mit der Schenkelhilfe fordern und diese Reaktion auch ohne Gerteneinsatz zeigen. Es wird aufmerksamer.


Mehr Balance dank Gertenimpuls


Wir können die Gerte aber nicht nur zum Vorwärtstreiben einsetzen, sondern auch um unserem Pferd zu mehr Balance zu verhelfen. Ein schiefes Pferd fällt häufig auf eine Schulter. Hier können wir mit einem leichten Antippen der Schulter dafür sorgen, dass unser Pferd seine Schulter etwas anhebt und mehr in die Balance kommt. Somit kann uns die Gerte wunderbar dabei unterstützen, unser Pferd geradezurichten.


Wird die Gerte bereits entspannt bei der Bodenarbeit eingesetzt, kann sie beim Reiten unsere Sitzhilfen unterstützen. Möchten wir beispielsweise ein Schenkelweichen reiten, unser Pferd kennt diese Übung aber bislang nur vom Boden aus, können wir durch den Einsatz der Gerte die Hilfe vom Boden aus in den Sattel übertragen, indem wir unser Pferd z.B. an entsprechender Stelle touchieren und ihm so unsere Sitzhilfe für das Schenkelweichen verständlich machen.


Keine Angst vor der Gerte


Um einem Jungpferd gleich von Anfang an die Angst vor der Gerte zu nehmen, ist es hilfreich, sie von Anfang an ganz entspannt in das Training einzubinden. Entspannt heißt: Wir sollten unserem Pferd nicht vermitteln, die Gerte sei etwas Besonderes und sollte vermehrt Aufmerksamkeit bekommen.


Bereits beim Putzen kann das Pferd vorsichtig und mit langen, entspannenden Bewegungen mit der Gerte abgestrichen werden. Das Abstreichen mit der Gerte sollte stetig wiederholt werden – auch im Training. Hier hat es zusätzlich den positiven Effekt, dass es unserem Pferd seine Körpergrenzen noch einmal stärker ins Bewusstsein rückt und ihm zum Beispiel hilft, seine Hinterhand besser einzusetzen.


Auch Pferde, die in ihrem Leben schon schlechte Erfahrungen mit der Gerte gemacht haben, profitieren von dieser Vorgehensweise. Ist die Angst vor der Gerte zu groß, könnte ein Training mit positiver Verstärkung (Clickertraining) dabei helfen, die Angst zu nehmen. Über das Lernverhalten von Pferden haben wir eine kleine Reihe geschrieben, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.


Zusammenfassend lässt sich sagen:


Die Gerte…

1. … verstärkt unsere Körpersprache.

2. … hilft uns dabei, feiner mit unserem Pferd zu kommunizieren.

3. … kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers beim Pferd verbessern.

4. … verhilft uns zu einem losgelassenen Sitz.

5. … macht unser Pferd aufmerksamer für unsere Hilfen.

6. … verhindert ein Abstumpfen gegenüber der Schenkelhilfe.

7. … unterstützt uns bei der Geraderichtung unseres Pferdes.

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