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  • Veronika Conen

Marleen - Das Interview

Liebe Marleen,


stell dich und deine Pferde doch einmal kurz vor:


Wo kommst du her, wie lange reitest du schon?

Ich komme aus dem schönen Wertheim/Sachsenhausen im lieblichen Taubertal. Mit sechs Jahren habe ich angefangen zu reiten. Ich wollte damals in den örtlichen Großpferdeverein, der war aber voll. Da schlug uns eine Bekannte einen kleinen Islandpferdehof vor, auf dem ich schon mal mit Unterricht beginnen und bleiben könnte, bis bei den Großpferden wieder was frei ist. Aber wie das so ist, wenn man einmal bei den Isis angefangen hat, dann bleibt man auch da. Bald wurden wir Einsteller.

Ich bin im unterfränkischen Kreuzwertheim am Main aufgewachsen. Als ich 12 war, sind wir mit sechs Isländern auf die Lindenhöhe gezogen, heute haben wir in unserem Stall zwischen 50 und 60 Pferde.


Marleen und ihr erstes Pferd Fáni

Wer war dein erstes Pferd? Erzähl uns was über ihn oder sie.

Mein erstes Pferd war Fannar frà Isafold, genannt Fàni. Ein wunderschöner Isabellwallach, mit dem ich jeden Unfug machen konnte. Und machte. Bei einem Kurs hatten eine Freundin und ich in der Abenddämmerung unseren Ponies Löwenzahn in die Mähnen geflochten und sind dann ohne Sattel und Trensen aber mit ausgestreckten Armen wie die Verrückten über die Bahn galoppiert. Bis der Reitlehrer rausgeschossen kam und uns zur Schnecke gemacht hat.

Im Sommer habe ich ihn immer mit Helm und Trense von der Koppel geholt, und wir sind zurückgaloppiert zum Stall. Die andere Richtung war weniger schlau, da hat er den Kopf zum Fressen runtergerissen, und ich bin – das einzige Mal – von ihm runtergeflogen.

Fáni hatte ganz wenig Tölt. Antölten – 3 Meter Tölt – Austraben – Durchparieren – Neu Antölten. Unser erstes Turnier war die DJIM 2000 in Wurz. Damals brauchte man noch keine Quali. Wir hatten keine Ahnung von Turnieren. Fáni und ich starteten in der V5 und T7 und waren schrecklich schlecht. Ich habe furchtbar geheult, weil ich immer die letzte war. Unter Protest habe ich dauernd gesagt „Fáni ist trotzdem das allerbeste Pferd der Welt“. Er war ein Herz und hat mir sehr viel Geduld beigebracht.

Zwei Jahre später bekam ich Geysir. Er hatte ganz viel Tölt und alles war viel einfacher. Nach einem Jahr habe ich gemerkt, dass ich Geysir mittlerweile lieber ritt. So haben wir beschlossen, Fani zu verkaufen, dass er woanders wieder die Nummer Eins sein kann. Er hat einen tollen Platz als Therapiepferd gefunden, wo er vielen vielen Menschen helfen konnte. Wir bekommen jedes Jahr ein Foto von ihm. Er ist heute 30 Jahre alt.



Fagri-Blakkur und Biskup Bild: Ponyliebe Fotografie

Wer sind heute Deine Pferde und kannst Du sie in ein paar Worten charakterisieren?

Ich habe aktuell sieben Pferde, mal schauen, was mir so einfällt:

- Helgi vom Berghof (Hengst, 11 Jahre, Viergänger) ist der Beste, einfach der Allerallerbeste in Allem.

- Fagri-Blakkur frà Nedra-Ási (Wallach, 7 Jahre, Fünfgänger) ist mein absoluter Ruhepol, mit ihm kann ich arbeiten, aber auch nur rumömmeln.

- Biskup frà Fossi (Wallach, 10 Jahre, Fünfgänger), ist mein Lehrer und nimmt seinen Job sehr ernst. Er lässt sich alles nur Erdenkliche einfallen, damit ich besonders viel lerne – wenn ich ein Problem weghabe, dann erfindet er ein neues.

- Rannveig frà Stadartunga (Stute, 12 Jahre, Fünfgängerin) war früher mein absolutes Traumreitpferd, einfach das perfekte Pferd. Sie lebt heute in der Stutenherde.

- Álfator frà Hrafnkelsstödum (Wallach, 7 Jahre, Viergänger) ist mein „Bastelprojekt“, das hört sich vielleicht nicht so nett an, aber wir suchen noch nach unserer Bestimmung.

- Léttfeti frà Midakri (Wallach, 4 Jahre, 5-Gänger auf Island) ist mein Zukunftspferd. Ich habe ihn nur drei Mal gesehen – zweimal live, einmal auf Video. Er hat ganz viel Talent und kommt im Herbst aus Island.


Herzensfohlen Eldey

- Eldey von der Lindenhöhe (Stute, 1 Jahr, Fünfgänger) ist mein totales Herzenspferd. Eigentlich wollte ich mir ja ein eigenes Fohlen ziehen letztes Jahr, es kam aber tot auf die Welt. Im gleichen Jahr hat mein Papa Bjartey aus Island geholt, weil sie dort nicht aufgenommen hatte. Sie sollte nicht noch ein Jahr nur rumstehen…

Eines Morgens lag dann ganz unerwartet dieses Fohlen da. Bjartey hatte Eldey nach Deutschland geschmuggelt! Ich fragte meinen Papa, ob ich den vermeintlich erfolglosen Decksprung bezahlen durfte und Eldey dann mit gehört. Sie war der Ersatz für mein verlorenes Fohlen. Sie liegt mir total am Herzen. Ich hatte noch nie so einen Draht zu einem Fohlen. Sie hat so viel Charakter, ist so lustig und süß, sie ist mein Herzenspferd.



Was bedeutet dir die Arbeit mit den Pferden?

Die Arbeit mit den Pferden bedeutet mir alles. Mein ganzes Leben besteht aus der Arbeit und allem rund ums Pferd. Wenn ich nicht am Stall bin, ist es schrecklich. Ich habe das Gefühl, ich verpasse etwas, es ist wie eine Sucht. Ich kann keinen Tag weg sein. Urlaub ist ok, aber wenn ich gefragt werde, ob wir mal was unternehmen wollen, einen Tag oder nur einen halben, dann zögere ich schon…

Ich liebe es, Hufe zu ölen, Pferde zu waschen, zu putzen und überhaupt zu schauen, dass der Hof in Ordnung ist. Bei Kackwetter am Wochenende räume ich die Sattelkammer auf und sortiere alles. Zu Hause in meiner Wohnung ist es leider nicht so ordentlich! Die Arbeit hier und das ganz Drumherum ist viel wertvoller als das Turnierreiten – das macht zwar Spaß, aber mein Genuss und Inhalt sind die Tage am Stall.

Eigentlich war ich entschlossen, nach der Schule einmal etwas Vernünftiges zu lernen. Als ich aber den Katalog mit den Studiengängen ansah, fand ich alles uninteressant. Ich bin keine gute Lernerin. Ich muss nichts anfangen, was mich nicht interessiert, dann schaff ich´s eh nicht. Soviel war mir klar. Also doch die Pferde! In der Arbeit und dem Umgang mit ihnen finde ich mein persönliches „Zuhause“.


Welche Ziele verfolgst du mit deinen Pferden?

Mein allgemeines Ziel ist ein harmonisches Miteinander und ein beidseitiges Wohlfühlen bei der Arbeit.Mein konkretes Ziel ist die WM mit Helgi. Mit ihm bin ich ja schon viel weiter als mit den anderen Pferden. Für die habe ich das Ziel, dass sie immer besser werden bzw richtig toll. In ihnen steckt ganz viel Hoffnung drin.


Das Wichtigste: Viel Zeit und Fairneß für die Pferde.

Wie beschreibst Du Deine Arbeit mit den Pferden?

Mit jedem Pferd ist es eine neue Aufgabe, ob Berittpferd oder Jungpferd. Schwierige Pferde sind zwischendrin schöne Herausforderungen, aber wunderschön ist es auch mit einfachen, bei denen alles funktioniert.

Bei der Arbeit bin ich sehr genau. In der Halle gucke ich jede Runde in den Spiegel, wie mein Sitz ist, und korrigiere mich ständig. Ich bin sehr ehrgeizig, nicht nur in Hinblick auf den Sport, sondern um ständig besser zu werden. Ich will alles perfektionieren. Ich bin ziemlich streng mit mir.

Mit den Pferden bin ich auch streng, ich will aber fair bleiben dabei. Ich würde von einem Jungpferd kein perfektes Kruppeherein fordern, solange es den Schenkel noch nicht richtig verstanden hat. Ich versuche die Übungen aufs Pferd anzupassen, auf sein Alter, seine körperlichen Möglichkeiten, dann will ich sie aber korrekt haben. Auch wenn sie es kurz mal doof finden. Mir reichen dabei am ersten Tag 2-3 Schritte, dann ist es schon gut. Am nächsten sind es vielleicht schon fünf Schritte. Ich lasse den Pferden gerne Zeit.

Ich habe viel Geduld, manchmal vielleicht zu viel, vor allem beim Übergang vom Jungpferd zum Reitpferd. Das fällt mir gerade bei meinen eigenen sehr schwer, zu sehen, wann der Punkt da ist, und dann entsprechend zu fordern. Fagri hat zum Beispiel immer so viel mehr gegeben, als er eigentlich ausgebildet war. Es war ein schwieriger Schritt für mich, das endlich anzunehmen und ihm zu sagen, dass wir die Übungen ab jetzt korrekter machen müssen.


Planvolles Training mit Helgi

Wie baust du dein Training auf, hast du immer einen Plan im Kopf?

Im täglichen Training habe ich meistens einen Plan. Der hängt dann vom vorherigen Training ab. Allerdings machen mir die Pferde gerne einen Strich durch die Rechnung. Dann geht der Plan nicht auf und er wird halt wieder über den Haufen geworfen.

Ein gutes Training kann ganz unterschiedlich aussehen. Entweder wir widmen uns einem Problem, das während der Arbeit gelöst werden kann. Oder wir wiederholen Übungen, die so gefestigt sind, dass sie immer einfach und leicht abzurufen sind. Oder wir erarbeiten neue Lektionen.




Immer schon zielstrebig: Marleen und ihre erstes Turnierpferd Geysir

Hast du Vorbilder?

Das ist eine doofe Frage wie aus dem Freundschaftsbuch.

Direkte Vorbilder habe ich keine. Mit Sicherheit schaue ich zu einigen Menschen auf für gewisse Fähigkeiten, nicht nur reiterliche. Selbstbewusstsein und Strukturiertheit bewundere ich zum Beispiel.

Andersrum: Ich weiß, wie ich nicht sein möchte, wie ich meine Pferde nicht trainieren möchte, wie ich nicht unterrichten möchte. Aber fragt mich jetzt nicht nach Namen! Grundsätzlich möchte ich einfach gerne alles selbst herausfinden und mein eigenes Ding machen.


Welches Pferd würdest du auf die einsame Insel mitnehmen?

Oh, das ist gemein zu entscheiden. Ich liebe alle meine Pferde, jedes ist so einzigartig und ich wollte keines missen. Also, darf ich bitte alle sieben oder am besten mehr auf die Insel mitnehmen?


Welchen Geheimtipp kannst du unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Habt eure Pferde lieb und zeigt es ihnen auch, sie werden es euch zurückgeben. Habt immer den Ehrgeiz, besser zu werden. Damit meine ich aber nicht sportlichen Erfolg, sondern alltägliche Dinge wie Geduld, reiterliches Können und Vertrauen.