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  • Karolina Kardel

So lernen Pferde - Teil I

Aktualisiert: Mai 27


Veronika Kieslinger und ihre Dimmalimm sind ein harmonisches Team - das Ergebnis effektiven Lernens

Wenn wir unsere Pferde so fein und sportsfreundlich wie nur möglich trainieren wollen, sollten wir uns nicht nur damit beschäftigen, wie Anatomie und Biomechanik des Pferdes funktioniert. Wir sollten uns auch damit beschäftigen, wie Pferde lernen. Denn nur dann können wir unser Training so pferdegerecht und motivierend wie möglich gestalten.


Ein wichtiger Punkt, den wir uns im Umgang mit unseren Pferden immer wieder bewusst machen sollten: Lernen beginnt nicht erst, wenn wir im Sattel sitzen. Lernen beginnt bereits beim Betreten des Paddocks!


Der Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Paul Watzlawick (1921-2007) hat einst gesagt:


„Man kann nicht nichtkommunizieren.“

Und genau wie man nicht nichtkommunizieren kann, kann man auch nicht nicht lernen. Kommunikation geht schließlich immer auch mit einem Verhalten und entsprechend mit Lernen einher.


Häufig lassen wir diesen Aspekt außen vor, wenn wir mit unseren Pferden zusammen sind. Für viele von uns beginnt das Training mit Betreten der Ovalbahn und endet beim Absitzen. Dass unsere Pferde aber – genau wie wir übrigens auch – permanent und immer lernen, vergessen wir viel zu oft. So kann es leicht passieren, dass sich Verhaltensweisen einstellen, die wir als Unarten bezeichnen und wegen der wir mit unseren Pferden schimpfen. Schaut man aber mal genauer hin, haben wir unserem Pferd mit unserem Verhalten und unseren Reaktionen eben dieses unerwünschte Verhalten (unbewusst) beigebracht.


Wenn wir uns mit dem Lernverhalten von Pferden beschäftigen, haben wir die Möglichkeit, unser eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen und zu optimieren. So können wir besser verstehen, wie (unerwünschtes) Verhalten entsteht, wie wir es verhindern können und auch, wie wir für mehr Motivation im gemeinsamen Training sorgen.


Drei Formen des Lernens


Grundsätzlich lassen sich drei Formen des Lernens unterscheiden:


  • Lernen durch Nachahmung

  • Gewöhnung

  • Lernen durch Konsequenzen

  • Lernen durch Nachahmung


Nachahmung


Beim Lernen durch Nachahmung lernt ein Pferd, indem es sich ein Verhalten bei anderen Pferden abguckt. Ein Fohlen beispielsweise lernt von seiner Mutter. Pferde innerhalb einer Herde lernen voneinander, beispielsweise wie eine automatische Tränke zu bedienen ist.


Pferde lernen durch Beobachten und Nachahmung aber nicht nur Verhaltensweisen. Auch die Stimmung lässt sich übertragen, insbesondere Angst und Stress. Hebt ein Pferd in einer Herde alarmierend den Kopf, sind alle im Hab-Acht-Modus. Dies ist ein für Pferde überlebenswichtiger Instinkt.


Den Aspekt der Stimmungsübertragung sollten wir uns auch im Training immer wieder bewusst machen. Haben wir Angst, überträgt sich diese nicht selten auch auf unser Pferd. Haben wir selbst Spaß und Freude am Training und loben motivierend, steigt auch die Motivation unseres Pferdes. Umgekehrt steigt das Stresslevel des Pferdes, wenn auch wir angespannt und genervt sind. (Über Stress bei Pferden haben wir hier bereits ausführlich berichtet.)


Gewöhnung/Habituation


Das Lernen durch Gewöhnung, auch Habituation genannt, bedeutet, dass ein Pferd immer wieder einem Reiz ausgesetzt ist, der keine Folgen mit sich bringt. Das Pferd lernt, dass es auf diesen Reiz nicht reagieren muss und gelassen bleiben kann.


Die Habituation ist ein lebenslanger Lernprozess, der für Pferde sehr wichtig ist. Ein junges Pferd beispielsweise, das keinerlei Erfahrung mit Straßenverkehr hat, wird auf ein vorbeifahrendes Auto vielleicht mit Angst, Stress und Unsicherheit reagieren. Je häufiger dieses Pferd aber von Autos überholt wird und dabei die Erfahrung macht, dass der Reiz im Grunde nichts mit ihm zu tun hat, desto weniger reagiert es darauf. Dieser Lernprozess ist insbesondere für das Fluchttier Pferd wichtig, das seine Energie bewusst und sparsam einsetzt.


Ein weiteres Beispiel für eine klassische Habituation ist das Einsprühen: Das Pferd lernt das Zisch-Geräusch kennen und lernt, dass anschließend Sprühnebel (diffuse Reize) auf den Körper trifft. Es lernt, dass ihm ansonsten nichts weiter passiert und es sich nicht lohnt, unnötig Energie aufzuwenden. Hinweis: Einige Pferde haben Probleme mit der Verarbeitung der diffusen Reize, sie setzen viel Energie ein und reagieren mit starkem Abwehrverhalten. Hier sollte das Pferd vielmehr bei der Verarbeitung der diffusen taktilen Reize unterstützt werden.


Lernen durch Konsequenzen


Das Lernen durch Konsequenzen nimmt im Pferdetraining den größten Part ein. Beim Lernen durch Konsequenzen werden verschiedene Lerntheorien unterschieden, die wir euch im Folgenden etwas näher erläutern wollen.


Klassische Konditionierung


Bei der klassischen Konditionierung werden zwei Reize miteinander verknüpft. Wenn ein Pferd beispielsweise seine Futterschüssel klappern hört, weiß es, dass es etwas zu Fressen gibt. Ein im Grunde neutrales Geräusch wird mit einer (positiven) Erwartungshaltung verbunden.

Umgekehrt kann aber auch allein der Anblick des Sattels Stress verursachen, wenn das Pferd diesen mit zum Beispiel Schmerzen verbindet.


Das bekannteste Beispiel der klassischen Konditionierung ist der Pawlowsche Hund. Der russische Forscher Iwan Pawlow hat 1905 in einem Experiment herausgefunden, dass Hunde allein beim Erklingen eines Glockentons zu speicheln beginnen, wenn dieser Glockenton wiederholt kurz vor der Futtergabe zu hören war. Die Hunde lernten, dass auf den akustischen Reiz das Futter folgt (Quelle: Wikipedia).


Operante Konditionierung


Die operante Konditionierung ist das Lernen am Erfolg. Der Name „operant“ kommt daher, dass das Pferd bei dieser Form des Lebens aktiv mit seiner Umwelt kommuniziert und interagiert und durch Konsequenzen lernt.


Dabei gibt es für das Pferd zwei Konsequenzen: Belohnung und Strafe.


Positive und negative Verstärkung


Belohnung (= etwas Angenehmes) und Strafe (= etwas Unangenehmes) lassen sich entweder hinzufügen (+/positiv) oder entfernen (-/negativ). So entstehen vier Lernquadranten:


  1. Positive Verstärkung: Etwas Positives (z.B. Futter) wird hinzugefügt -> Das Verhalten wird häufiger gezeigt.

  2. Negative Verstärkung: Etwas Unangenehmes (z.B. treibende Hilfe) wird entfernt -> Das Verhalten wird häufiger gezeigt.

  3. Positive Strafe: Etwas Unangenehmes (z.B. Gertenschlag) wird hinzugefügt -> Das Verhalten wird seltener gezeigt.

  4. Negative Strafe: Etwas Angenehmes (z.B. Futter) wird entfernt -> Das Verhalten wird seltener gezeigt.


Wird von positiver Verstärkung oder negativer Verstärkung gesprochen, hat dies also erstmal nichts mit gut oder schlecht im Sinne unserer menschlichen Wertvorstellung zu tun. Es handelt sich lediglich um mathematische Größen.


Klassische Trainingssysteme, die sich hier einordnen lassen, sind das Clickertraining und das konventionelle Pferdetraining.


Beim Clickertraining wird mit positiver Verstärkung und negativer Strafe (Futter wird hinzugefügt bzw. weggenommen) gearbeitet.


Beim konventionellen Pferdetraining (und das reicht vom Natural Horsemanship bis hin zur Akademischen Reitkunst) arbeitet man mit der Pressure-and-Release-Methode. Hiermit ist das Aufbauen und Nachlassen von Druck gemeint. Wenn wir unsere Pferde beispielsweise longieren, treiben wir sie mit Körper, Stimme und Peitsche in eine schnellere Gangart und sobald wir die entsprechende Reaktion erhalten, lassen wir den Druck nach. Auch beim Reiten treiben wir mit Schenkel und Gerte und hören auf, wenn unser Pferd entsprechend reagiert.


Druck und negative Verstärkung sind also nicht schlecht. Es ist einfach eine andere Form des Trainings als Belohnung und positive Verstärkung. Und egal, nach welchem Trainingssystem man sein Pferd arbeitet: Wichtig sind immer ein durchdachter Trainingsaufbau, ein exaktes Timing und eine korrekte Ausführung der eigenen Hilfen. Andernfalls haben wir ein gestresstes Pferd, das nicht lernen kann.


Im zweiten Teil dieses Beitrags gehen wir in konkreten Beispielen auf die Geheimnisse des Lernverhaltens von Pferden ein.

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