Suche
  • Karolina Kardel

So lernen Pferde - Teil II

Aktualisiert: Mai 27


Dreamteam - Anna Kesenheimer und ihr Vidallin kennen die Geheimnisse des Lernens. Foto: Lisa Nässl

In unserem Blogbeitrag „So lernen Pferde - Teil I“ haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie Pferde eigentlich lernen. Mit diesem Beitrag wollen wir einen Schritt weitergehen und uns anschauen, wie wir unser Wissen um das Lernverhalten des Pferdes in der Praxis anwenden können, um das Training so sportsfreundlich wie möglich zu gestalten.


Das Lernverhalten des Pferdes: vier Lernquadranten


Wenn wir mit unseren Pferden arbeiten, haben wir vier Möglichkeiten, unserem Pferd etwas beizubringen: Etwas Angenehmes und etwas Unangenehmes lassen sich entweder hinzufügen (+/positiv) oder entfernen (-/negativ).


  1. Positive Verstärkung: Etwas Angenehmes (z.B. Futter) wird hinzugefügt. -> Das Verhalten wird häufiger gezeigt.

  2. Negative Verstärkung: Etwas Unangenehmes (z.B. treibende Hilfe) wird entfernt. -> Das Verhalten wird häufiger gezeigt.

  3. Positive Strafe: Etwas Unangenehmes (z.B. Gertenschlag) wird hinzugefügt. -> Das Verhalten wird seltener gezeigt.

  4. Negative Strafe: Etwas Angenehmes (z.B. Futter) wird entfernt. -> Das Verhalten wird seltener gezeigt.


Die Bezeichnungen positiv und negativ stellen keine Wertungen dar, es sind lediglich mathematische Größen. Nur weil ihr mit einem für das Pferd unangenehmen Reiz arbeitet, heißt es nicht, dass ihr eurem Pferd etwas Böses antut. Und umgekehrt ist ein Training mit positiver Verstärkung nicht immer angenehm fürs Pferd. Wir wollen euch das Thema mit einigen Praxisbeispielen etwas näherbringen.


Konventionelles Pferdetraining: negative Verstärkung und positive Strafe


Kunststück auf Fingerzeig - wie lernt mein Pony das? Foto: Nina Kesenheimer

Das klassische Pferdetraining, das sicherlich die meisten von uns kennen und nutzen, setzt auf das Lernkonzept der negativen Verstärkung.


Ihr wollt, dass euer Pferd eine Vorhandwendung macht. Dafür touchiert ihr es mit der Gerte an der Seite. Dieses (leichte) Touchieren ist ein unangenehmer Reiz, dem das Pferd ausweicht. Sobald euer Pferd richtig reagiert und mit der Hinterhand seitwärts tritt, lässt der unangenehme Reiz nach. Euer Pferd lernt, dass der unangenehme Reiz endet, wenn es seitwärts tritt und wird dieses Verhalten in Zukunft öfter zeigen. Irgendwann reicht sogar ein Gertenzeig Richtung Hinterhand, und euer Pferd macht eine Vorhandwendung.


Negative Verstärkung im Pferdetraining ist also überhaupt nichts Schlimmes, solange ihre eure Signale so fein wie möglich gebt und das Training so aufbaut, dass euer Pferd die Chance hat zu verstehen, was es machen soll.


Die große Gefahr beim Training mit negativer Verstärkung besteht darin, dass ein Pferd zu einer Reaktion gezwungen wird. Damit wird vertuscht, dass der Trainingsaufbau nicht optimal ist und das Pferd die Aufgabe nicht wie erwünscht ausführen kann (körperlich oder mental). Denn was passiert, wenn ein Pferd auf den Gertenimpuls nicht wie gewünscht reagiert? Häufig wird der Druck dann so lange sukzessiv erhöht, bis das Pferd entsprechend reagiert. Reagiert das Pferd aber nicht wie gewünscht und bleibt stehen oder weicht nach vorne oder hinten aus, wird im schlimmsten Fall aus dem unangenehmen Reiz (Touchieren) eine positive Strafe: Aus dem Touchieren wird ein Schlagen kombiniert mit einem lauten Schimpfen: „Irgendwann muss der blöde Gaul doch endlich mal seine Haxen bewegen.“


Das Pferd lernt: Weicht es nach vorne oder hinten aus anstatt mit der Hinterhand seitlich zu treten, gibt es Ärger. Also zeigt es das unerwünschte Verhalten (Stehenbleiben, nach vorne Ausweichen) weniger. An dieser Stelle ein Lesetipp: Unser Beitrag „Sportsfreundliches Pferdetraining: mehr Verständnis, weniger Stress“.


Positive Verstärkung: mehr als nur Clickertraining


Gut gelernt - Brimi von Möllenbronn beim Kompliment. Foto: Nina Kesenheimer

Bei der positiven Verstärkung wird in den allermeisten Fällen sofort ans Clickertraining gedacht. Dabei heißt positive Verstärkung nichts anderes als: Auf ein gewünschtes Verhalten folgt eine angenehme Konsequenz. Das Pferd merkt, dass sich ein bestimmtes Verhalten lohnt und wird dieses in Zukunft vermutlich häufiger zeigen. Ihr signalisiert eurem Pferd also mit einer für das Pferd angenehmen Rückmeldung, dass es sich richtig verhalten hat. Eine angenehme Rückmeldung muss also nicht zwangsläufig ein Leckerli sein. Angenehme Rückmeldung kann auch eine ausgiebige Krauleinheit sein. Wichtig ist, dass das Pferd die Streicheleinheit auch wirklich genießt und angenehm findet.


Die Verbindung von positiver Verstärkung mit dem Clickertraining hat folgenden Grund: Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass die Zeitspanne zwischen Verhalten und Belohnung maximal drei Sekunden betragen darf, damit ein Pferd die Verknüpfung zwischen Lob und Verhalten noch herstellen kann. Wird diese Zeitspanne überschritten, besteht die Gefahr, dass das Pferd die Belohnung mit etwas anderem verknüpft. Scharrt euer Pferd beispielsweise zwischen dem belohnenswerten Verhalten und dem Rauskramen des Leckerlis aus der Jackentasche, verknüpft es vermutlich das Scharren mit der Belohnung und scharrt in Zukunft öfter. Es hat nämlich gelernt, dass es sich lohnt zu scharren, weil es dafür eine leckere Belohnung gibt.


Hier kommt der Clicker ins Spiel: Er markiert mit seinem akustischen Signal die korrekte Verhaltensweise und das Pferd weiß, dass es die Belohnung für Verhalten X und nicht für Verhalten Y bekommt – vorausgesetzt, es wurde vorher entsprechend drauf konditioniert.


Im Unterschied zum Training mit negativer Verstärkung, bei der euer Pferd eher reagiert, ist das Pferd beim Training mit positiver Verstärkung in einer aktiveren Rolle. Bei einer Vorhandwendung mit positiver Verstärkung würde das Pferd mit seiner Hinterhand nicht der Gerte ausweichen, sondern es würde sich zum Beispiel aktiv mit der Hinterhand auf ein Target zubewegen. (Zur Erklärung: Ein Target ist ein Zielobjekt, das es zu berühren gilt.)


Natürlich zeigen Pferde beim Training mit positiver Verstärkung nicht ausschließlich gewünschtes Verhalten. Scharrt euer Pferd beispielsweise mit dem Huf, wird dieses Verhalten aber nicht bestraft, indem beispielsweise geschimpft oder am Strick gezogen wird, sondern es wird einfach ignoriert, indem ihr eurem Pferd beispielsweise den Rücken zudreht und es einfach nicht beachtet. Das Pferd kann sich so keine Belohnung verdienen und lernt, dass es sich nicht lohnt, Energie fürs Scharren aufzuwenden.


Eine Übung, zwei Trainingsansätze: der Spanische Gruß


Ein schönes Beispiel, um euch die Unterschiede zwischen beiden Trainingssystemen zu verdeutlichen, ist der Spanische Gruß bzw. der Spanische Schritt. Beim Spanischen Schritt hebt euer Pferd wechselseitig die Vorderbeine weit und hoch und geht dabei vorwärts. Beim Spanischen Gruß hebt das Pferd die Vorderbeine ebenfalls hoch an, es bleibt dabei aber stehen. Der Spanische Schritt wird meistens aus dem Spanischen Gruß entwickelt.

Immer schön höflich: Nina Kesenheimer und Mona beim spanischen Gruß. Foto: Magiclight Photography

Wir beschreiben euch den Übungsaufbau einmal konventionell trainiert und einmal mit positiver Verstärkung trainiert. Uns geht es dabei nicht um eine Wertung in gut oder schlecht (siehe oben, positiv und negativ sind lediglich mathematische Größen), wir wollen euch lediglich die unterschiedlichen Herangehensweisen verdeutlichen.


Möglichkeit 1: das konventionelle Training

Wenn ihr den Spanischen Schritt oder den Spanischen Gruß konventionell erarbeiten wollt, dann funktioniert das in der Regel so:

Ihr touchiert das Vorderbein eures Pferdes so lange mit der Gerte, bis es sein Bein hebt. Dann hört ihr auf.

Bei sensiblen Pferden funktioniert diese Vorgehensweise meist ganz gut und sie heben auf ein leichtes Touchieren hin ihr Bein. Bei weniger sensiblen Pferden kann es aber sein, dass aus einem leichten Touchieren schnell mal ein starkes Klopfen und ein „nun heb doch aber endlich mal dein Bein“ wird. Das langfristige Ziel ist, dass ihr irgendwann nicht mehr mit der Gerte touchieren müsst, sondern dass ein Fingerzeig ausreicht, damit euer Pferd sein Bein hebt.


Möglichkeit 2: das Training mit positiver Verstärkung

Beim Training mit positiver Verstärkung kommt neben dem Clicker und Futterlob auch ein Target zum Einsatz. Das Pferd soll mit seinem Vorderfußwurzelgelenk das Target berühren. Das Target kann eine Fliegenklatsche sein, eine Poolnudel oder etwas Vergleichbares.

Hier kann der Trainingsaufbau folgendermaßen aussehen:

Ihr berührt mit eurem Target das Vorderfußwurzelgelenk des Pferdes und clickt. Dies wiederholt ihr ein paar Mal.

Anschließend haltet ihr das Target etwas entfernt vom Vorderbein und sobald euer Pferd sein Bein in Richtung Target bewegt, clickt ihr wieder. Dieser Abstand wird Stück für Stück vergrößert. Jedes Mal, wenn euer Pferd das Target mit seinem Vorderbein berührt, gibt es einen Click und Futterlob.

Zwei Vollprofis in Sachen Bodenarbeit: Karolina Kardel und Sleipnir im Spanischen Schritt

Fazit

Ganz gleich, ob ihr euer Pferd mit positiver Verstärkung oder konventionell mit negativer Verstärkung trainiert: Wichtig ist, dass ihr das Training immer so sportsfreundlich und stressfrei wie möglich gestaltet. Denn nur in einer entspannten Atmosphäre sind Pferde überhaupt in der Lage zu lernen. Wenn ihr euer Training so kleinschrittig wie möglich gestaltet, bietet ihr eurem Pferd die Möglichkeit zu verstehen, was es machen soll. So vermeidet ihr Frust und Stress auf allen Seiten.


Beste Sportsfreunde Vidi und Anna: Basis und Lohn des Lernens sind Verständnis und Vertrauen. Foto: Nina Kesenheimer

Be our Sportsfreund! Abonnieren Sie unseren Newsletter

© 2020 by Sportsfreund-Studios