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  • Karolina Kardel

Sportsfreundliches Pferdetraining: mehr Verständnis, weniger Stress

Aktualisiert: Mai 27




Du musst dich nur mal richtig durchsetzen, dein Pferd verarscht dich doch die ganze Zeit.“ Sätze wie diese sind an jedem Stall zu hören. Sie fallen zum Beispiel, wenn euer Pferd stehen bleibt und sich nicht mehr weiterführen lässt, wenn es beim Hufschmied rumzappelt und seine Hufe nicht ordentlich gibt oder wenn es euch beim Training auf der Ovalbahn ständig unter dem Sattel davonläuft und ihr keine Ahnung habt, was ihr machen könnt. Aber können uns unsere Pferde überhaupt veräppeln?


Wenn wir davon ausgehen, dass uns unsere Pferde im Training veräppeln, wenn sie immer wieder davon stürmen, wenn sie doch eigentlich langsam tölten sollen, gehen wir davon aus, dass Pferde dies überlegt und gezielt machen. Doch können Pferde das überhaupt?


Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf das Pferdegehirn werfen.


Das Pferdehirn ist anders aufgebaut als unser menschliches Gehirn. Der wohl größte Unterschied besteht darin, dass das Kleinhirn (Cerebellum) wesentlich ausgeprägter ist als das Großhirn.


Das Kleinhirn ist das Kontrollorgan der Willkürmotorik und es spielt eine wichtige Rolle in Bezug auf die Koordination des Pferdes (vgl. Physiologie der Haustiere, Thieme Verlag).


Das Großhirn kontrolliert die meisten Aktivitäten des Pferdes, indem es die Informationen der Sinnesorgane verarbeitet. Gleichzeitig ist es Sitz des Bewusstseins und des Gedächtnisses, denn im Großhirn sitzt auch der präfrontale Cortex. Der präfrontale Cortex ist zuständig für Aspekte wie Planung, Sozialverhalten und kognitive Leistung und bei uns Menschen wesentlich ausgeprägter als bei unseren Pferden.


Daraus lässt sich schließen: Ein Pferd ist gar nicht in der Lage, uns Reiter zu verarschen, weil ihm die entsprechende Hirnleistung fehlt, um vorausschauend und planend zu handeln.

Das bedeutet aber nicht, dass Pferde dumm sind! Ein Pferd verhält sich vielmehr so, wie es in seiner Natur liegt: Es strebt nach Überleben, Existenzsicherung und der Befriedigung seiner Bedürfnisse.


Übertragen auf die Trainingssituation bedeutet dies, dass ein Pferd stets das tun wird, was von ihm verlangt wird – vorausgesetzt natürlich, es versteht, was von ihm verlangt wird, und kann dieses körperlich umsetzen. Das Pferd hat gelernt, dass ihm nichts passiert, wenn es sich den Wünschen des Reiters beugt. Das sichert ihm schließlich – überspitzt gesagt – Überleben, Existenz und Bedürfnisbefriedigung.


Stress im Pferdetraining


In den vergangenen Jahren hat sich im Bereich der Verhaltensforschung bei Pferden jede Menge getan. So wissen wir heute immer mehr darüber, wie sich Stress im Pferdekörper auswirkt.


Empfindet ein Pferd beispielsweise Stress, wird der Fluchtinstinkt aktiviert. Auf dieses instinktive Verhalten hat das Pferd selbst nur wenig Einfluss, weil die Emotionen über ein bestimmtes Gehirnareal gesteuert werden. Dieser Bereich des Gehirns wird aktiviert, sobald eine vermeintliche Gefahr auftritt. Außerdem wird im Körper Adrenalin freigesetzt, das für eine erhöhte Fluchtbereitschaft sorgt. Die Stresshormone haften sich an den Hippocampus, dieser ist quasi das Lernareal des Pferdes. Die Folge: Das Pferd kann weder klar denken oder lernen, noch seinen Fluchtreflex kontrollieren.


Dies ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt und umfasst das Thema Stress nicht in seiner vollen Tiefe. Doch an dieser Stelle würde es zu weit führen, auf die chemischen Prozesse im Pferdekörper und die verschiedenen Stresstypen einzugehen. Wenn ihr selbst mehr in das Thema einsteigen wollt, empfehlen wir euch das Buch Angst, Stress und Unsicherheit beim Pferd von Christine Dosdall, Viviane Theby und Kathrin Wycisk.


Wenn ein Pferd im Training also immer wieder anfängt, unter dem Sattel wegzulaufen und durchzugehen, dann liegt es in den wenigsten Fällen daran, dass das Pferd den Reiter veräppelt, weil es grad mal Lust hat zu laufen. Viel häufiger liegt es daran, dass das Pferd Stress empfindet und der Fluchtreflex aktiviert wurde.


Stress ist unter Pferden übrigens häufiger verbreitet als man denken würde. So gibt es Studien die belegen, dass mindestens jedes dritte Freizeitpferd an Magengeschwüren leidet – als Folge von Stress – und jedes vierte Pferd depressive Symptome zeigt. (Quelle: barnboox)


Zu den häufigsten Stressfaktoren zählen:


  • Platzmangel

  • Hunger

  • Schmerz

  • Falsches Training

  • Unpassendes Equipment

  • Mentale und körperliche Überforderung


Unsere Aufgabe ist es also, das Training so aufzubauen, dass unser Pferd dabei möglichst wenig Stress empfindet. Nur wenn es uns vertraut, kann die Reaktion auf angsteinflößende Reize stetig schwächer werden.


Natürlich heißt es nicht, dass ein Pferd niemals Stress empfinden darf. Moderater Stress kann schließlich auch die Lernleistung des Pferdes steigern. Problematisch wird es nur, wenn der Stress zu stark oder auf Dauer ist, und wenn wir unser Pferd für sein Verhalten auch noch bestrafen, weil wir der Meinung sind, es verarsche uns.


Welche Faktoren einem Pferd Stress bereiten, lässt sich nicht pauschal sagen. Dies ist von Pferd zu Pferd individuell verschieden. Außerdem gibt es keine klare Definition von Stress. Im Buch Angst, Stress und Unsicherheit beim Pferd heißt es dazu: „Ganz allgemein kann man sagen, dass Stress die Reaktion des Körpers auf einen Stressreiz ist, mit dem Ziel, eine Situation der erhöhten Belastung zu überstehen.“


Grundsätzlich lässt sich aber sagen: Alles, was das Pferd körperlich und/oder mental überfordert und/oder ihm Schmerzen bereitet, erzeugt Stress.


Zu erkennen ist Stress unter anderem


  • an einem hohen Muskeltonus

  • einem hoch erhobenen Kopf

  • schneller Atmung

  • einer angespannten Maulpartie

  • einem eingeklemmten oder einem schlagenden Schweif

  • aufgerissenen Augen

  • Falten über den Augen/Augendreieck


Trainingssituation reflektieren, Stress verringern


Wenn unsere Pferde im Training oder im Umgang mit uns nicht so reagieren, wie wir es uns wünschen, dann sollten wir also nicht gleich ärgerlich werden. Wir sollten uns stattdessen fragen, woran es liegen kann, dass sich unser Pferd so verhält wie es sich verhält.



Beispiel 1: Mein Pferd ist faul


Viele Reiter ärgern sich, dass ihr Pferd faul sei. „Das ist ihm jetzt zu anstrengend“, wird dann häufig verständnislos gesagt. Dabei ist es doch selbstverständlich, dass die Übungen und Lektionen anstrengend sind für unsere Pferde. Wenn wir zum Sport gehen und trainieren, finden wir die Übungen schließlich auch als anstrengend.


Regelmäßige Pausen sind da selbstverständlich. Warum gestehen wir also unseren Pferden nicht zu, dass auch sie uns sagen „hey, das ist jetzt wirklich anstrengend, ich brauch mal eben eine Verschnaufpause“? Oder anders gefragt: Warum achten wir so wenig auf unsere Pferde? Wir könnten ihn schließlich schon eher eine Pause anbieten, um einer körperlichen Ermüdung und mentalen Überforderung zuvor zu kommen.


Manchmal sind diese vermeintlich sturen und faulen Pferde aber auch einfach nur besonders klug: Sie verzichten darauf, unnötige Energie zu verbrauchen, weil sie diese im Fall einer Flucht benötigen. Und wir erinnern uns: Ein Pferd strebt nach Überleben und Existenzsicherung. Einem solchen Pferd müssen wir das anstrengende Training so schmackhaft machen, dass es motiviert mitarbeitet und erkennt, wie lohnenswert es ist, Energie aufzuwenden.


Welcher Motivator bei einem solchen Pferd am besten funktioniert, lässt sich nicht pauschal sagen. Ein Motivator muss auch nicht immer Futterlob sein. Wenn ihr euch ehrlich und offen mit euren Pferden freut und ihre Leistung anerkennt, motiviert das häufig schon sehr. Übungen lassen sich kleinschrittig aufbauen, sodass ein Lernerfolg garantiert ist. Und merken Pferde, dass sich ihr Körper positiv verändert, sie stärker und stabiler werden, motiviert das häufig auch, gemeinsam mit dem Menschen an anspruchsvollen Lektionen zu arbeiten. An dieser Stelle haben wir einen weiteren Buchtipp für euch: Selbstbewusste Pferde von Imke Spilker.


Sicher ist in jedem Fall, dass Ärger und Frust bei diesen Pferden völlig fehl am Platz sind.


Beispiel 2: Mein Pferd rennt unter mir davon


Rennt ein Pferd unter dem Sattel davon, wenn es eigentlich langsam tölten soll, kann es zum Beispiel sein, dass es das langsame Tempo körperlich (noch) nicht umsetzen kann, weil ihm die notwendige Tragkraft und die Balance fehlen (Stichwort: Geschwindigkeit stabilisiert). Es kann aber auch sein, dass es die Hilfen des Reiters nicht verstehen kann, weil diese nicht korrekt gegeben oder falsch gelehrt wurden, oder dass es Schmerzen hat, weil es in eine Haltung gezwungen wird, die ihm unangenehm ist. Auch kann es sein, dass der Sattel oder der klammernde, steife Reiter auf dem Rücken unangenehm drücken.


Vielleicht braucht das Pferd aber auch einfach eine Pause, um sich körperlich oder mental zu erholen – Pferde können sich schließlich nur rund 10 Minuten am Stück konzentrieren. Eine körperliche oder mentale Überforderung sorgt sehr oft für Stress. Die Verhaltensbiologin Marlitt Wendt schreibt dazu in ihrem Buch Vertrauen statt Dominanz: „[…] Gründe für diverse Widersetzlichkeiten und scheinbare Dominanzprobleme sind die Über- oder Unterforderung des Pferdes im Trainingsalltag. […] Ein pferdegerechtes Training orientiert sich sowohl an den körperlichen wie auch an den geistigen Möglichkeiten eines Pferdes. […]“ (S. 99)



Sportsfreundlich verhalten: Dem Pferd mit Respekt und Verständnis begegnen


Anstatt uns also darüber zu ärgern, dass sich unser Pferd nicht so verhält, wie wir es uns wünschen und unser Pferd für sein in unseren Augen widersetzliches und falsches Verhalten zu bestrafen, sollten wir lieber anfangen, unserem Pferd mehr Verständnis entgegenbringen. Wir sollten uns fragen, woran es liegen kann, dass es so reagiert, wie es reagiert. Wir könnten zum Beispiel die Trainingssequenzen verkürzen, wir können die Lernschritte leichter machen, wir können unser Equipment überprüfen lassen und ähnliches.


Und dass wir durch kleinschrittiges Training viel leichter ans große Ziel kommen, liegt auf der Hand: Unser Pferd ist wesentlich motivierter, mit uns zu trainieren und aufgrund des verringerten Stressfaktors reduziert sich auch der Muskeltonus. Die Bewegungsqualität nimmt also zu, weil sich unser Pferd wesentlich gelöster und geschmeidiger bewegen kann.


Am Ende sind wir doch alle Sportsfreunde. Ein Sportsfreund ist nicht nur ein (Pferde-)Sportliebhaber, sondern auch ein Freund, mit dem wir gemeinsam Sport treiben. Und diesem Freund sollten wir mit so viel Respekt und Verständnis gegenübertreten, wie wir es uns auch für uns selbst wünschen.

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